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Warum explodieren die Kapitalbezüge in der 2. Säule?

Flash #37, 3. Juli 2025

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Über die rasch steigenden Kapitalbezüge in der 2. Säule gab es in letzter Zeit viel zu lesen. Bei der Ursachensuche führen drei Argumente mit grossem Abstand die Hitliste an: gesunkene Umwandlungssätze, steuerliche Vorteile beim Kapitalbezug und Fehlanreize in der Beratung. Im Folgenden werden diese drei Argumente näher betrachtet.

Ein Blick auf den Chart der Woche zeigt: Der Anteil der 100%-Kapitalbezüger wächst rasant auf Kosten der 100%-Rentenbezüger. Die Anzahl der Versicherten, die eine Mischform wählen, bleibt hingegen konstant auf tiefem Niveau. Dieser Befund erstaunt, da es durchaus gute Gründe für eine Kombination aus Rente und Kapital gibt. Entscheiden Versicherte also wirklich rational?

Zu den möglichen Ursachen im Detail:

  • Gesunkene Umwandlungssätze: Ein Umwandlungssatz von 5% entspricht implizit einer lebenslangen Rendite- bzw. Zinsgarantie von rund 2.0%. Je nach Familiensituation (anspruchsberechtigter Partner oder individuelle Lebenserwartung) kann diese Garantie höher oder tiefer sein. Gleichzeitig haben wir im Flash 36 gezeigt, dass eine Nettorendite von 2.0% bei eigener Vermögensanlage nur mit höherem Aktienrisiko und grosser Kostendisziplin erreichbar ist. Interessant ist auch die Studie «Rente oder Kapital?» der Bundes-Pensionskasse Publica, welche zeigt, dass Kapitalbezüge sowohl bei Ledigen als auch bei Verheirateten gleichermassen zunehmen – obwohl die Rentenlösung für Personen mit anspruchsberechtigtem Partner eine deutlich höhere implizite Zinsgarantie beinhaltet.
  • Steuervorteile beim Kapitalbezug: Aktuell hat der Kapitalbezug gegenüber der Rente einen steuerlichen Vorteil. Allerdings werden indirekte Steuereffekte häufig unterschätzt. Bei stark progressiven Kapitalleistungssteuern – etwa im Kanton Zürich – ist ein vollständiger Kapitalbezug bei hohen Altersguthaben bereits heute nicht zwingend steueroptimal. Sollten auf Bundesebene zusätzliche Besteuerungen eingeführt werden, könnte der reine Kapitalbezug vielerorts weiter an Attraktivität verlieren.
  • Fehlanreize in der Beratung: Banken und Versicherungen verdienen in der Regel nur dann direkt an Ihrem Vermögen, wenn Sie Kapital beziehen und dieses wieder in Anlageprodukte investieren. Die Publica-Studie zeigt, dass Personen mit reinem Kapitalbezug besonders häufig externe Beratung in Anspruch genommen haben.

Insgesamt stellt sich deshalb die Frage, ob die Entscheidung zwischen Rente und Kapital heute tatsächlich im besten ökonomischen Eigeninteresse der Versicherten getroffen wird.

Takeaways

  • Meine Meinung: Fehlanreize in der Beratung sind hauptverantwortlich für steigende Kapitalbezüge.
  • Unabhängiger Rat in der Frage «Rente oder Kapital» ist entscheidend.

Dr. Ueli Mettler, p-alm Software AG

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Takeaways

  • Meine Meinung: Fehlanreize in der Beratung sind hauptverantwortlich für steigende Kapitalbezüge.
  • Unabhängiger Rat in der Frage «Rente oder Kapital» ist entscheidend.